Seinen Ursprung nahm der Poetry Slam in Amerika, genauer in Chicago.
In den Jahren 1979 und 1980 fanden literarische Wettkämpfe
in einem Boxring statt: Zwei Dichter lasen abwechselnd Gedichte
vor und versuchten sich gegenseitig so in die Enge zu treiben
und das tobende und brüllende Publikum für sich zu gewinnen.
Diese verbalen Kämpfe wurden auch als urban- oder punk poetry
bezeichnet, da die Idee der Punkszene entsprungen war. Ausserdem
hatten natürlich die altbekannten Box- und Wrestlingkämpfe
einen grossen Einfluss auf die Entstehung dieses Phänomens.
Der ehemalige Bauarbeiter Marc Kelly Smith,
welcher sich schon seit längerem in dieser Szene bewegte,
gründete 1985 das „Chicago Poetry Ensemble“,
dem Schriftsteller, Poeten, Performance-Poeten und Schauspieler
angehörten. Das Ensemble schrieb Stücke, die es einem
Publikum in der „Get Me High Lounge“ in Chicago vorspielte,
welches nicht dem konventionellen Theaterpublikum entsprach. Wie
schon bei den „Kämpfen“ bestand ein grosser Teil
des Publikums aus Individuen, die ansonsten keinen grossen Bezug
zur Literatur fanden, geschweige denn selbst aktiv waren. Es wurde
sehr viel Wert auf den künstlerischen Aspekt gelegt und Smith
war es sehr wichtig, dass die Mitglieder ein Flair für Performance
mitbrachten und auch bereit waren, Neues dazuzulernen. Nicht zuletzt
dadurch konnte sich das „Chicago Poetry Ensemble“
als Prototyp für alle National Slam Teams etablieren.
1986 zog Smith mit dem Ensemble in den grösseren
„Green Mill Jazz Club“, um eine neue Show, eine Poetry
Show, aufzuziehen, der er den Namen „The Uptown Poetry Slam“
gab. Die Show bestand aus drei Teilen: Zuerst ein Open Mike, das
heisst, jeder, der etwas Eigenes vorlesen wollte, durfte dies
tun. Dann folgten Gäste aus allen Teilen der USA und als
dritter und letzter Teil trat jeweils das Chicago Poetry Ensemble
auf. Da es für das Team jedoch zu aufwändig war, jede
Woche ein neues Stück einzustudieren, baute Smith jede zweite
Woche eine Art Dichterwettstreit ein. Dieser fand schnell ungeheuren
Gefallen bei den Zuschauern und wurde sogar zur Hauptattraktion
der ganzen Veranstaltung. Der Poetry Slam war geboren. Nun wurde
auch das lokale Medieninteresse immer grösser und Smiths
Projekt feierte einen Erfolg nach dem anderen. Im Jahr 1988 konnte
er gar die gesamte Zeit auf ein ausverkauftes Haus zurückblicken.
In New York sah die Sache etwas anders aus: Das 1975 von den
puertoricanischen Poeten und Theatermachern Miguel Algarin und
Miguel Pinẽro in der Lower East Side eröffnete „Nuyorican
Poets Cafe“ war 1988 von der Schliessung bedroht. Die guten
alten Zeiten, als Lower-East-Side Berühmtheiten wie Pedro
Pietri (Schriftsteller), internationale Stars wie William Burroughs
oder Allen Ginsberg und Rap-Poeten das Café besucht hatten,
schienen der Vergangenheit anzugehören. Als dann auch noch
Miguel Pinẽro an den Folgen seines Drogenkonsums starb,
hatte sein Mitgründer weder die Kraft noch den Willen, etwas
an der schwierigen Situation zu ändern. Erst der New Yorker
Poetry-Aktivist und Marketing-Spezialist Bob Holman
schaffte es, Algarin 1989 von einer Neueröffnung in einem
schöneren und grösseren Lokal zu überzeugen. Da
Holman im Green Mill einige Poetry Slams miterlebt hatte und davon
sehr angetan war, stellten sie den Poetry Slam auch in ihrem neuen
Konzept in den Mittelpunkt. Die neue Literaturform war derart
beliebt, dass es Holman 1991 durch seine Beziehungen sogar gelang,
MTV zu einer neuen Plattform – MTV Poetry Unplugged –
zu überreden. Ab September 1992 konnte man erstmals Poetry
Video Clips im Fernsehen bestaunen. Im selben Jahr fand in Boston
bereits der dritte National Poetry Slam statt. Danach schlug die
Welle auch nach Finnland, Schweden und Grossbritannien über.
Als im darauf folgenden Jahr San Francisco wieder zum International
Slam einlud, nahm erstmals ein Land eines anderen Kontinentes
daran teil: Finnland. Nun setzte sich die Presse in ganz Europa
mit Themen wie Spoken Word und Poetry Slam auseinander. Ein japanischer
Fernsehsender sendete gar einige Poetry Slams aus dem „Nuyorican
Poets Cafe“ an eine halbe Million japanische Zuschauer.
Im Jahr 1994 fand auch in Deutschland (Berlin) der erste Poetry
Slam statt. Zu dieser Zeit erschien die Anthologie „Aloud!
Voices from the Nuyorican Poets Cafe“ von Bob Holman und
Miguel Algarin, welche sehr erfolgreich war. Als Bob Holman und
Miguel Algarin 1995 ein „Deutsch – Nuyorican Poetry
Festival“ in New York veranstalteten, zog es neben deutschen
Gästen wie Bastian Böttcher (Bremer Rap-Poet), Durs
Grünbein (Büchner-Preisträger) und Andre Michael
Bolton (Trommler und Dichter) auch den Schweizer Performance-Poeten
Christian Uetz in die USA, welcher später neben drei weiteren
Auszeichnungen auch den 3Sat-Preis beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb
gewann. Dies war die Grundlage dafür, dass nun auch vermehrt
die Schweiz mit dem Slam liebäugelte.
Der Durchbruch des Slams in der Schweiz folgte erst
1999,
als die Schweizer Matthias Burki und Yves Thomi, die Begründer
des Kleinverlages „
Der gesunde Menschenversand“,
nach Deutschland reisten und den dort immer populärer werdenden
Slam studierten. Sie kamen derart begeistert nach Hause, dass sie
beschlossen, fortan auch in der Schweiz Slams durchzuführen.
(Es gab zwar schon vorher Slams in Bern, doch die waren sehr rar.)
Das Vorhaben sollte mit einer Poetry-Slam-Tour im Juni 1999 seinen
Auftakt erleben und die repräsentierenden Schweizer waren Suzanne
Zahnd, Tom Combo, Philipp Albrecht Egli, Jurczok 1001, Melinda Nadj
Abonji, Raphael Urweider, Max Küng, Constantin Seibt, Ralf
Schlatter, „Die Eistorte“ (Dominik Burki und Raffael
Meier) und René Oberholzer. Im Programm standen aber auch
deutsche Autoren: Bastian Böttcher, Till Müller-Klug und
Hadayatullah Hübsch.
Matthias
Burki äusserte sich dazu folgendermassen:„Slams sind
anders als andere Lesungen: Die Texte müssen sich zum Vortrag
eignen, und der Körper der Lesenden muss irgendwie involviert
sein. Die Leute, die wir eingeladen haben, kennen das bereits.“
Ganz
im Sinne der alten Bräuche bildete das Publikum die Jury und
der Siegerpreis war eine Flasche Whisky. Jeder Besucher durfte sich
auch vor der Show dazu entscheiden, selbst einen Text vorzulesen.
Im April 2000 folgte die zweite Poetry Slam CH-Tour. Diesmal waren
Michael Lentz, Verena Carl und Till Müller-Klug als deutsche
Gäste eingeladen und Christoph Schuler, Michael Stauffer, Ralf
Schlatter, Andi Rickert, Suzanne Zahnd, Seelenlos & Aerger,
Sandra Küenzi, Luciano Andreani, Constantin Seibt, R.C. Köchli,
Jürg Halter, Familie Caradonna, „Die Eistorte“,
Tom Combo und Claudius Weber vertraten die Schweizer Slamszene.
Nun war also auch die Schweiz als Slam-Nation entdeckt worden.
Mehr zu Poetry Slam auch unter Wikipedia
Coop Zeitung, Nr.22, 2. Juni 1999 / www.menschenversand.ch/slam99_2.html
[4]
Coop Zeitung, Nr.22, 2. Juni 1999
www.menschenversand.ch/slam00_2.html